Mein erster Tag

Am Morgen des 28. Augusts 2014 war ich für 10:00 Uhr mit der zierlichen Lily am Schultor verabredet, unter anderem, um für mich eine chinesische Sim-Card zu kaufen. Ich weiß noch genau, wie ich beim Heraustreten aus meiner Wohnung auf einmal ein wahnsinnigen Lärm vernahm, offensichtlich eine Art chinesischer Volksmusik aber in voller Lautstärke. Aus dem 7. Stock hatte ich einen guten Blick auf den Sportplatz der Schule. Dort hatten sich die unterschiedlichen Klassen versammelt, um scheinbar einer halben Stunde sportlicher Ertüchtigung nachzugehen.

In meiner Erinnerung trugen alle Schüler einheitliche Sportanzüge in einem weinrot-weiß-Muster. Sobald alle Klassen in Reih und Glied versammelt waren, ertönte neben der Volksmusik noch eine Stimme, die in einem fortwährenden Singsang immer wieder die selben Wörter wiederholte: yi, er, san…,si, wu, liu (zu Deutsch: eins, zwei, drei…, vier, fünf, sechs). Zu jeder Silbe gab es eine spezielle Übung. Ich fühlte mich an das englische Kinderlied „head, shoulders, knees and tows, knees and tows“ erinnert.

Während meiner Monate in Wuhan lernte ich, dass körperliche Fitness und die simultanen Bewegungen im Gruppengefüge auch das gemeinschaftliche Miteinander stärken sollten. So sah ich ältere Damen im Park gemeinsam tanzen und auch die jungen Mitarbeiter*innen eines Imbisses morgens gemeinsam joggen und dabei Motivationssprüche brüllen.

Lily führte mich anfangs ein wenig auf dem Schulgelände herum und ich lernte, das die Gebäude rund um das Schulgebäude aus Wohneinheiten für chinesische Lehrkräfte, Wohneinheiten für internationale Lehrkräfte und Wohneinheiten für Schüler*innen bestand, die ihre Familien nur an den Feiertagen besuchten.

Ich lernte den Chef des Foreign Office, sowie den Schuldirektor kennen und schenkte jedem ein Glas „deutschen Honig“. Anschließend stellte Lily mich den anderen Lehrkräften für europäische Sprachen vor. Neben Deutsch wurden auch Englisch und Französisch gelehrt.

Ich erhielt eine Mensakarte auf welche mir die Schule monatlich 200 Yuan zahlen würde. In all dieser Zeit war ich genau einmal in dieser Schulmensa essen. Die Imbisse rund um die Schule waren einfach zu zahlreich und alle tausendmal besser als die Schulküche.

Nachdem Lily mich noch zur Polizei begleitet hatte, um mich registrieren zu lassen für einen länger als sechsmonatigen Aufenthalt in Wuhan, setzte sie mich bei einem Supermarkt ab, wo ich nebst Lebensmitteln auch Putzutensilien besorgte. Ich gab 265 Yuan bei diesem Einkauf aus, ungefähr 30 Euro zu diesem Zeitpunkt.

Gegen 18:00 Uhr kam der junge Französischlehrer, der in der Wohnung neben meiner untergebracht war, bei mir zu Besuch vorbei und wir lernten uns bei einem Bierchen kennen. Dieser Mensch wurde in kurzer Zeit zu einem meiner besten Freunde auf der Welt. Ich weiß wie kitschig das jetzt klingt aber ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nie einen Menschen kennen gelernt, der sowohl von außen als auch von innen strahlt.

Genau das macht Reisen mit dir, du lernst andere Menschen, Werte und Weltbilder kennen. Es ist eine Suche nach dir selbst und dem, was du anstrebst zu sein.

Ein Gedanke zu „Mein erster Tag“

Hinterlasse einen Kommentar